Einst in Händen der Reichsluftwaffe

Vor 70 Jahren befand sich im Raum Eichwald ein Militärflugplatz samt Sterbelager

Der Nation dunkelste Stunden warfen vor 70 Jahren auch Schatten übern Eichwald. Auf dem einstigen Feldflugplatz von Wehrmacht und Reichsluftwaffe starteten von hier aus Kampfflieger für Großdeutschland. Erinnerungen an die Anfänge der intensiveren Nutzung des Areals.

Diese Aufnahme vom gesamten Großsachsenheimer Flugfeld hat ein englischer Aufklärer am 17. Dezember 1944 gemacht. Quelle Martin Hein

Kompetenten Freizeithistorikern wie Fritz Krohmer (†), Herbert Ade-Thurow und Roland Watzl sowie dem Verein für Heimatgeschichte Sachsenheim ist es zu verdanken, dass es heute umfassende öffentliche Informationen darüber gibt, was sich vor Jahrzehnten auf dem aktuellen Zweckverbandsgelände abspielte: Dort, wo jetzt Ersatzteile für noble Flitzer, wohlmundendes Mineralwasser, kraftstrotzende Gabelstapler oder etwa Zimmermannskunst zu finden sind, starteten und landeten einst Nachtjäger und andere militärische Flugobjekte der Nazis, die hier auch ein so genanntes Krankenlager eingerichtet hatten.

Die betroffenen Kommunen wollten den vom Luftgaukommando VII München im Februar 1939 wegen seiner idealen topografischen und klimatischen (nebelarm) Bedingungen ausgeguckten beziehungsweise dann ab 1940 gebauten und seit Sommer 1942 betriebsbereiten Fliegerhorst 742 auf ihren Fluren südlich des Eichwalds keinesfalls. Aber selbst die persönliche Intervention des damaligen Sachsenheimer Bürgermeisters Wilhelm Vetter bei Hermann Göring vor Ort in Berlin konnte die Zwangsbeglückung nicht verhindern: Großsachsenheim musste 114 Hektar, Sersheim und Oberriexingen mussten jeweils 30 Hektar für das als Reichsgut-Verwaltung getarnt Projekt der Münchner Strategen im September 1941 an das „Deutsche Reich - Reichsfiskus (Luftfahrt)“ verkaufen. Die Rede ist von den Gewannen „Roden“, „Eichwald“ sowie „Krähwinkel“ und von insgesamt 122 Grundstücken. Der Kaufpreis für Grund und Boden betrug seinerzeit 1000 Reichsmark pro Hektar. Bereits ab Oktober 1940 waren 36 Einsatzkräfte des Reichsarbeitsdienstes beziehungsweise Zwangsarbeiter herangezogen worden, um unter der Leitung der „Organisation Todt“ die 1230 Meter lange und 60 bis 80 Meter breite Betonstartbahn sowie andere Flugplatz-Einrichtungen zu bauen. Für Startbahn sowie rund 600 x 1200 Meter Rasen-, Lande- und Verkehrsflächen wurden allein 56 Hektar Wald abgeholzt, wie zum Beispiel in „die mörin“ des Sachsenheimer Geschichtsvereins nachzulesen ist.
Die relativ lange und befestigte Rollbahn ist Vermutungen zufolge darauf zurückzuführen, dass die Reichsluftwaffe hier auch einmal die neu entwickelten Strahlflugzeuge wie die „ME-262“ einzusetzen beabsichtigte (zumindest eine Maschine dieses weltweit ersten mit Strahlentriebwerken ausgestatteten Flugzeuges soll am 14. Januar 1945 tatsächlich auch in Großsachsenheim notgelandet sein). Ein weiterer diesbezüglicher Ausbau der Rollbahn auf 2000 Meter für Düsenflugzeuge in Richtung Osten, der zwischen Untermberger und Oberriexinger Straße vorgesehen war, kam aber nicht mehr zustande.

Zunächst bezog 1942 eine Schulflugstaffel den Fliegerhorst, um hier Piloten auszubilden. Nach dem Abzug der kleinen „Bücker“-Maschinen brummten bald die legendären „ME-109“-Jagdflugzeuge einer nun stationierten Tagjagdstaffel auf dem Feldflugplatz, der dann im Frühsommer 1944 für das Nachtjagdgeschwader 6 ausgebaut wurde. Fortan landeten und starteten am Eichwald auch Flugzeuge wie die „JU 88-C6“ und „ME-110“. Schätzungsweise insgesamt bis zu 30 Maschinen waren hier gleichzeitig stationiert.
Weniger als ein Jahr vor Kriegsende war dies die bedeutendste Phase des Flugplatzes, von dem aus mit den deutschen Jägern versucht wurde, die immer mehr auftauchenden „Lancaster“-, „Liberators“- und andere Bomber der Alliierten abzuwehren. Die Einsätze dauerten oft mehrere Stunden und waren bis zu 200 Kilometer westlich vom Großsachsenheimer Horst entfernt. Das fliegende Personal wohnte damals übrigens im Wasserschlössle, bekanntlich das heutige Sachsenheimer Rathaus. Munitionslager, Tanklager und auch Flugzeuge waren im Wald, unter anderem auf dem alten Großsachsenheimer Sportplatz und in einem ehemaligen Steinbruch im Tal an der Straße nach Sersheim versteckt worden.
Während insgesamt 92 Flugzeuge dieses Nachtjagdgeschwaders abgeschossen wurden, prasselten auf den (kasernenlosen) Sachsenheimer Flugplatz gleichzeitig die Bomben und Geschosse von tieffliegenden „Mustangs“ und zum Beispiel „Thunderbolts“ nur so herab, beschädigten die Startbahn maßgeblich. Das Nachtjagdgeschwader 6 war deshalb Ende März 1945 ins bayerische Schleißheim verlegt worden, wo es sich am 30. April 1945 komplett und kampflos den Amerikanern ergab.

Der Großsachsenheimer Flugplatz wurde am 8. April 1945 von der französischen Armee besetzt. Die einheimische Bevölkerung musste nun Schutt wegräumen und die Bombentrichter auf der Startbahn füllen. Ende Juni 1945 rückten die Franzosen und Marokkaner ab und überließen im Juli den schwäbischen Militärflugplatz den Amerikanern. Sie installierten hier dann gar Raketen – aber das ist eine andere Geschichte.

Schreckliche Bilanz

Nach den Recherchen von Fritz Krohmer flogen in der Zeit vom 19. Juli 1944 bis 30. März 1945 die Nachtjäger des Geschwaders I./NJG 6 Großsachsenheim insgesamt 43 Feindeinsätze, davon zehn Schlachteinsätze auf Bodenziele.
Während der Nachtjagd erzielte das Geschwader 158 Feindabschüsse, überwiegend von viermotorigen britischen „Lancastern“.
Der Verlust an eigenen Maschinen waren in diesem Zeitraum 92 „ME-110“ beziehungsweise „JU-88“.
Die Zahl der abgeschossen Piloten und Besatzungsmitglieder des gesamten Geschwaders (also nicht nur Großsachsenheim) betrug 257 Personen.

Vorne eine Me 110, hinten eine JU 88. Solche Nachtjäger waren auch auf dem Großsachsenheimer Flugplatz stationiert. Quelle Ernst Güse

Sterbelager und Rüstungsstollen

An der Straße nach Unterriexingen, ganz in der Nähe des Militärflugplatzes, war zum Schutz gegen alliierte Fliegerangriffe während des 2. Weltkriegs eine große unterirdische Rüstungsstelle im Bau gewesen. Vermutlich handelte es sich dabei primär um eine beabsichtigte Produktionsstätte für „V2“-Raketen, der „Wunderwaffe“, für „ME-262“-Düsenjäger oder für andere Rüstungszwecke. Häftlinge des KZ-Lagers Unterriexingen (ein Außenkommando des Konzentrationslagers Natzweiler/Elsaß), die auch am Flugplatz zu arbeiten hatten, mussten hier unter miserablen Bedingungen schuften. Zur Fertigstellung der 421 Meter langen und bis zu acht Meter hohen Werkshalle „Galenit“ kam es bis 1945 jedoch nicht mehr. Der (Alb-)Traum vom „düsenjägertauglichen“ Großsachsenheim war beendet. Die Hohlräume mussten, so der Sachsenheimer Bernhard Mattes, in den 1980er-Jahren verschüttet werden.

Abgesehen von dieser unterirdischen Werkhalle und von Baracken an der Oberriexinger Straße, die zum Flugplatz gehörten, gab es etwa 200 Meter vom Flugplatz entfernt, das heißt an dessen Südrand, von 1943 bis 1945 ein so genanntes Krankenlager samt Entbindungsstation. Nazi-Deutschland hatte bekanntlich zunächst Kriegsgefangene, später auch Zivilpersonen zur Zwangsarbeit missbraucht; so auch in Großsachsenheim. Die Erkrankten und Arbeitsunfähigen kamen an dieser Stelle – das zentrale Durchgangslager für Nordwürttemberg in Bietigheim war überfüllt – auf Verlangen des Landesarbeitsamts am 19. Dezember 1943 in ein so genanntes Arbeitslager, das am Flugplatz bereits als einstige Unterkunftsbaracke für das Flugplatzpersonal, später als Kriegsgefangenenlager existierte. Lagerarzt wurde Dr. Adolf Levi, der vor Ort am 19. Dezember 1944 zusammen mit sechs weiteren Personen bei einem Bombenangriff der Alliierten ums Leben kam. Dieses rund 1,5 Hektar große Krankenlager, in Wirklichkeit ein Sterbelager, war mit Stacheldraht umzäunt, aber völlig unzureichend ausgestattet, zumal mehr als die Hälfte der hier gefangenen Menschen Tbc-Kranke waren, viele weitere (auch) an Fleckfieber, vor allem aber an tödlicher Unterernährung und den katastrophalen hygienischen Bedingungen litten. Mehr als 95 Prozent der insgesamt hier 681 unmenschlich zu Tode Gekommenen waren Russen. Das Durchschnittsalter lag bei 25 Jahren.

Ungefähr 200 Meter östlich des Todeslagers, nahe der Straße nach Unterriexingen, wurden insgesamt 668 Opfer dieser Barbarei, darunter 647 Russen, auf einem Friedhof verscharrt. Dieses Zeugnis einstiger Unmenschlichkeit gibt es bis heute, im Volksmund respektlos „Russenfriedhof“ tituliert. Die Stadt Sachsenheim und der örtliche deutsch-russische Verständigungsverein „Catharina-Pawlowna-Gesellschaft“ sorgen allerdings dafür, dass im wahrsten Sinne des Wortes kein Gras über diese unselige Geschichte wächst.

Das Krankenlager neben der Oberriexinger Straße. Quelle Fritz Krohmer, Skizze Gabriele Krohmer

Die Gedenkstelle auf dem Friedhof. Foto Walter Christ