Weitblick zahlt sich aus

Interview mit Bietigheim-Bissingens Oberbürgermeister Jürgen Kessing

20 Jahre Zweckverband, 10 Jahre mit Bietigheim-Bissingen – freuen Sie sich über das Doppeljubiläum?

Ja. Der Zweckverband Eichwald ist eine Erfolgsgeschichte für alle vier Kommunen, die hier im Verbund zusammen wirken. Das Gelände ist nach einer etwas längeren Anlaufzeit inzwischen schon gut besiedelt und erfreut sich weiterer Nachfragen von verschiedenen Unternehmen. Alle Partner sind sich jedoch von Anfang an darin einig gewesen, dass eine sorgfältige Auswahl getroffen wird – die Zahl und Qualität der Arbeitsplätze des jeweiligen Unternehmens zählen.

Die Weichen dazu haben vor mehr als einem Jahrzehnt noch Manfred List, Kurt Leibbrandt und Gerhard Sieber gestellt. Hätten Sie anders gehandelt?

Nein. Bietigheim-Bissingen hat schon immer eine sehr vorausschauende Entwicklungspolitik betrieben, da geht die Linie schon beim ersten Bietigheimer Nachkriegsbürgermeister Karl Mai und seinem Finanzbürgermeister Lothar Späth los. Auch ich sehe mich wie mein Vorgänger im Amt, Oberbürgermeister a. D. Manfred List, dem Ziel verpflichtet, über den Tag hinaus zu schauen und langfristige Entwicklungsmöglichkeiten für unsere schöne Stadt zu verfolgen. Bietigheim-Bissingen hat in den letzten 30 Jahren einen kontinuierlichen Zuwachs an Arbeitsplätzen, Wohnungen und der dazu gehörigen Infrastruktur erlebt und alle Bürgerinnen und Bürger genießen die Früchte dieser Entwicklung, sei es in Form von guten Kinderbetreuungseinrichtungen, guten Schulen, vielseitigen Kulturangeboten, zahlreichen Sportmöglichkeiten, sozialer Betreuung für Jung und Alt – wo immer man hinschaut, bietet unsere Stadt sehr viel. Das alles muss natürlich auch finanziert werden – und dazu bedarf es der Menschen, die hier arbeiten und wirtschaften. Und dafür muss auch Raum vorhanden sein – auch in Zukunft.

Die Idee zum Beitritt von Bietigheim-Bissingen wurde zwar auch vom früheren Bürgermeister Karl-Heinz Lüth forciert, dennoch gab es aus Sachsenheimer Reihen viele Vorbehalte und Unstimmigkeiten – ist Ihnen das bekannt?

Ja, auch ich weiß um die Vorbehalte, die es einstmals gab – doch ich bin überzeugt, dass diese heute überwunden sind. Schon Karl-Heinz Lüth war ein vorausschauender Bürgermeister, der um den Vorteil wusste, den ein starker Partner wie Bietigheim-Bissingen in den Eichwald-Verbund einbringen konnte. Diese Vorteile konnten dann auch realisiert werden – die Bietigheim-Bissinger Erfahrungen und Kontakte waren sicherlich sehr hilfreich.

Wie fällt nun heute die Zwischenbilanz aus Sicht des großen Partners aus – sind Sie zufrieden oder gar noch mehr?

Die Vermarktung des ersten Abschnitts mit rund 62 Hektar ist sehr gut gelungen. Wir gehen nun den zweiten Abschnitt mit etwa 28 Hektar an, der dringend benötigt wird, da verschiedene Firmen aus unserem Verbandsgebiet wie auch von außerhalb Interesse bekunden. Wir müssen die Flächen soweit entwickeln, dass konkreten Wünschen auf Ansiedlung auch in absehbarer Zeit entsprochen werden kann – dazu bedarf es eines gültigen Bebauungsplans. Die aus dem ersten Abschnitt generierten Einnahmen rechtfertigen auch die Fortsetzung der Erfolgsgeschichte im zweiten Abschnitt.

Für die Aufnahme in den Verband und den 25-Prozent-Anteil musste Bietigheim-Bissingen im Jahr 2004 fünf Millionen Euro hinblättern. Hat sich der Einsatz schon amortisiert?

Diese Vermutung ist durchaus nicht falsch, Bietigheim-Bissingen hat den Beitritt bisher weder aus entwicklungspolitischen noch finanziellen Gründen bereut.

Könnte/wird angesichts der wenigen noch verbliebenen Gewerbeflächen in Bietigheim-Bissingen der Gewerbepark Eichwald, nach dem Umzug der Firma Jungheinrich, auch für weitere Betriebe aus der Stadt noch eine relevante Rolle spielen? Gibt es bereits konkrete Pläne?

Es ist zwar derzeit nichts Konkretes geplant, aber auch in Zukunft werden Firmen aus Bietigheim-Bissingen, die nach Erweiterungsflächen suchen, auch auf den Zweckverband Eichwald hingewiesen. Der Standort ist immer wieder im Gespräch. Bei der Firma Jungheinrich kam noch hinzu, dass potenzielle Kunden des Unternehmens in unmittelbarer Nähe angesiedelt sind.

Es gibt nach wie vor kritische Stimmen bezüglich Landverbrauch, großer Lagerhallen mit angeblich wenigen Arbeitsplätzen und dürftiger Gewerbesteuer. Was sagen Sie persönlich dazu?

Wir haben im Zweckverband Eichwald bewusst nur Unternehmen angesiedelt, die unsere hohen Kriterien erfüllen, nämlich eine hohe Anzahl Arbeitsplätze/Hektar. Wer sich davon selbst überzeugen möchte, sollte einmal die Gelegenheit einer Betriebsführung durch die Unternehmen im Zweckverbandsgebiet nutzen. Dann wird schnell deutlich, dass wir dort schon über 1000 Arbeitsplätze angesiedelt haben. Wir erzielen auch schöne Einnahmen aus der Grund- und Gewerbesteuer, die die Unternehmen zahlen – und diese Einnahmen sind in allen Kommunen dringend nötig, um unsere kommunale Infrastruktur zu finanzieren.

Was raten Sie dem Zweckverband für die nächsten 20 Jahre?

Wir dürfen nicht nachlassen in unserem Bemühen, weitere Flächen zu entwickeln, um weitere Arbeitsplätze zu schaffen und damit auch stabile Einnahmen zu erhalten. Die Kommunen können ihre Aufgaben nur erfüllen, wenn sie auch über die nötige Finanzausstattung verfügen – und diese ist nur zu erzielen, wenn eine stabile Wirtschaft für entsprechende Einnahmen sorgt. Langfristig werden die Menschen in unserer Region dies auch erkennen und den Verantwortungsträgern in den Verwaltungen und den Gemeinderäten dafür dankbar sein.