Großsachsenheim und der Kalte Krieg

Die atomare Nike-Raketen-Basis der Amerikaner im Eichwald 1957 bis 1985

Nach dem tatsächlichen Krieg kam der Kalte. Kaum war der einstige deutsche Nachtjäger-Fliegerhorst von Franzosen und Amerikanern im Raum Eichwald / Krähenwinkel vollends ausgemustert, folgten den Jägern auch schon die Raketen. Die U. S. Army und ihre Nike-Flugabwehr-Basis.

Blick auf den Radarhügel in Großsachsenheim. Foto Stadtarchiv Sachsenheim

Zuerst träumten die Endsieg-Nazis von einem düsenjägertauglichen Militärflugplatz am Eichwald, dann Franzosen und Amerikaner. Aber auch aus den Träumen ums Jahr 1950 wurde nichts. Das ab 1945 von den Amerikanern nur noch für Übungszwecke genutzte Areal erwies sich auch aus Kostengründen letztlich als untauglich und geriet somit fast ein Jahrzehnt lang aus den Schusslinien (1956/57 war allerdings eine Interessengemeinschaft der umliegenden Orte gegen einen Düsenjägerflugplatz gebildet worden). Ab 1955 war es freilich aus mit der himmlischen Ruhe. Der Hauch des Kalten Krieges hatte plötzlich auch den Raum Großsachsenheim/Sersheim erfasst und diesem wegen seiner Nike-Raketen-Station somit internationale militärstrategische Bedeutung beschert. Dazu muss man wissen, dass die politische Großwetterlage, nicht zuletzt durch die spätere Kuba-Krise 1962, immer frostiger wurde und sich vornehmlich Amerikaner und Russen genötigt sahen, Flugabwehrsysteme zu installieren. Was die U. S. Army anbelangt, bestückte sie nicht nur ihr eigenes Land mit rund 200 Batterien dieses Nike-Flugabwehrraketenprogramms gegen hochfliegende und auch multiple Ziele (wie Bomberpulks) um Großstädte und strategische Ziele, sondern richtete zusammen mit der untergeordneten Bundeswehr beziehungsweise den NATO-Streitkräften auch in Deutschland einen Nike-„Ajax“, später –„Hercules“-Flugabwehrgürtel ein. Solche Basen befanden sich in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz, darunter die Standorte Kornwestheim, Großsachsenheim, Kleingartach und Wurmberg. Von der Bundeswehr wurden solche Abschussrampen unter anderem auf der Schwäbischen Alb bei Münsingen und Stetten betrieben.

Wie vielfach nachzulesen ist, bestand die im nördlichen Teil des ehemaligen Wehrmachts-Fliegerhorstes in Großsachsenheim stationierte „Bravo Battery, 3rd Battalion, 71st Air Defense Artillery, U. S. Army“ auf einer genutzten 13-Hektar-Fläche aus drei getrennten Bereichen: einem Verwaltungstrakt, einer erhöhten Feuerleitanlage mit bis zu fünf Radargeräten zum Aufspüren angreifender Flugzeuge und schließlich einer Abschusseinrichtung mit jeweils drei Abschussflächen und dazugehörenden 33 Raketen sowie einigen Bunkern. In diesem Bereich befanden sich, wie spätere Recherchen bestätigten, ab 1962 auch Atomsprengköpfe. „Die bereitgehaltenen Flugabwehrraketen waren anfänglich vom Typ Nike ,Ajax‘, ab 1959 für 26 Jahre Nike ,Hercules‘“, so der Sersheimer Freizeithistoriker Herbert Ade-Thurow in „die mörin“. Angeblich sollen auf den drei besonders intensiv bewachten Abschussrampen je elf „A-Jacks“ einsatzbereit gewesen sein. Laut dem passionierten örtlichen Heimatforscher Fritz Krohmer (†) handelte es sich bei der ab dem 12. August 1958 betriebsbereiten, neu gebauten Anlage um die erste ortsfeste Nike-Atomraketen-Abschussbasis in der Bundesrepublik Deutschland von insgesamt 71 in Westdeutschland verteilten Nike-Raketenbasen zur Verteidigung des oberen Luftraums (ab 7,45 Kilometer Höhe). Das heißt, hätten feindliche Flugkörper den „Eisernen Vorhang“ gen Westen durchstoßen, wären wohl auch am Eichwald die Raketen mit ihrer bis zu 140 Kilometer gehenden Reichweite aktiviert worden. Wie auch immer: Auf dem Gelände des heutigen Jubilars gab es demnach einst gar Neutronenwaffen! Von keinem deutschen Standpunkt aus wurde allerdings jemals eine solche Verteidigungsrakete abgeschossen.

Zu dem von rund 100 Mann bedienten Stützpunkt am Eichwald, der mittels Tieflader auch mobil einsatzfähig war und in den 1970er-Jahren häufig mit Übungsalarmen samt Hubschrauber-Luftverkehr konfrontiert wurde, gehörten neben den genannten militärischen Einrichtungen auch Kantinen, Werkstätten (die beachtliche Altlasten hinterließen), Sportanlagen, ein Heizkraftwerk, ein Wasserhaus nahe Sersheim und ab 1983 auch eine größere Militärpolizei-Basis, nachdem US-Einrichtungen inzwischen terroristischen Bedrohungen ausgesetzt waren.
Anfang 1985, als die weltweiten Entspannungsbemühungen von Politikern wie Michail Gorbatschow und Ronald Reagan den Kalten Krieg verdrängt hatten, wurde auch die Radaranlage am Eichwald aufgegeben. Das Kapitel Militär war damit freilich längst nicht ad acta: Jetzt träumte es Politikern und Strategen, an dieser Stelle ein Nato(-Waffen-)Depot einzurichten…

Wachturm der Nike-Station. Foto Stadtarchiv Sachsenheim

Nike-Base-Raketenpräsentation im Jahr 1959. Foto Stadtarchiv Sachsenheim


Deutsch-amerikanische Beziehungen

Einmal abgesehen von den massiven örtlichen Protesten in den 1960er-Jahren gegen die Nike-Station, die man jedoch offenbar letztlich als das kleinere Übel gegenüber einem Düsenjägerflugplatz einstufte, gab es zwischen den hier stationierten US-Soldaten und der einheimischen Bevölkerung immer bessere Beziehungen, die auch in private Freundschaften, durchaus auch Ehen, mündeten. Die „GIs“ waren jedenfalls nicht nur im Stammlokal „Eppich‘s Bierstüble“, im Freibad, in einem Bietigheimer Altersheim, in Kirchen, der Bietigheimer „Bierbar“ oder in Kaufläden präsent, sondern mit schweren Gerätschaften auch beim Bau des Großsachsenheimer Freibads, des Ochsenbacher Sportplatzes oder beispielsweise der Windhunderennbahn, um hier nur einige Aktivitäten und Schulterschlüsse aufzulisten. Beim „Open House“ 1963 indes zählte man bei der Bravo Battery über 5000 Besucher. Nur am Rande sei noch erwähnt, dass die Großsachsenheimer Bürgermeister Karl-Heinz Lüth und Andreas Stein wegen ihrer Verdienste um das deutsch-amerikanische Miteinander und wegen ihres Wohlwollens gegenüber dem Stützpunkt jeweils zu stolzen Ehren-Obersten der U. S. Army ernannt worden waren.

Administrationsbereich der Bravo-Batterie in Großsachsenheim ums Jahr 1974. Quelle Präsentation Bernhard Mattes