Waffenkammer sorgt für Zündstoff

Als das Krähwinkel-Areal (k)ein „NATO-POMMS-Depot“ werden sollte

Keine Nachtjäger mehr. Keine Raketen mehr. Keine akuten Bedrohungen mehr. Was sollte nach 1985 bloß aus dem Riesen-Areal vor den Toren Großsachsenheims, Sersheims und Oberriexingens werden? Nun, die einen wollten hier jetzt ein NATO-Depot einrichten – die anderen schossen vehement dagegen. Von wegen Waffenruhe im Krähwinkel.

Als mächtige Transporthubschrauber der US-Streitkräfte Ende Januar 1985 die Demontage der einstigen Nike-Raketen sichtbar werden ließen, freute man sich im Raum Sachsenheim zu früh. Die insgesamt 174 Hektar voluminöse Militärfläche wurde nicht, wie von einstigen Machthabern versprochen, renaturiert, das heißt wenigstens ein Teil der abgeholzten 60 Hektar Waldes wieder aufgeforstet, sondern sollte vielmehr wieder von und für Soldaten genutzt werden.

Den Vogel im Krähwinkel schoss nach Ansicht vieler Bürger zunächst wohl der SPD-Landtagsabgeordnete und Kreisrat Hans Beerstecher ab, indem er im März 1985 riet, auf dieses frei gewordene, „schlafende“ Gelände doch bitteschön die US-Kasernen aus Ludwigsburg auszulagern. Die scharfen Proteste darauf hielten an, als durchsickerte, dass anstelle der Nike-Station auf bis zu 130 Hektar Größe ein so genanntes „POMMS“-Depot für US-Geräte wie Fahrzeuge für Kranken- und Materialtransport, Pionier-Utensilien und beispielsweise Fernmeldedienst eingerichtet werden solle. Ausdrücklich handele es sich dabei nicht um Kampfmittel, also Waffen, wurde verlautet. Ein Thema, das die Gemüter dann vollends erhitzen sollte, wie aus unzähligen Medienberichten, aus Statements von Zeitzeugen und insbesondere aus den Recherchen des kompetenten und engagierten Sersheimer Freizeithistorikers Herbert Ade-Thurow, die er ebenfalls in dem Magazin „die mörin“ des Sachsenheimer Vereins für Heimatgeschichte veröffentlichte, hervorgeht.

Aus dem vermeintlich harmlosen vorangelegten organisatorischen Materiallagerplatz (POMSS = Prepositioned Organizational Material Storage Site) wurde nämlich plötzlich eine Art Waffenkammer. Waren nun von Protestierenden gleich Panzer, Geschütze, Lkw’s und anderes Kriegszeug mehr orakelt, von den Behörden aber jegliche Waffengelüste dementiert worden, so musste der Ditzinger CDU-Landtagsabgeordnete Günther Oettinger in einer denkwürdigen Drei-Stunden-Veranstaltung des eingetragenen Vereins „Schutzgemeinschaft Krähwinkel“ im Sachsenheimer Schützenhaus am 19. April 1988 eingestehen, dass es „durchaus denkbar“ und für ihn auch „logisch“ sei, dass hier „größere Mengen Pistolen und Gewehre und nicht nur Hosen“ gelagert würden. Schließlich sollten im Übungs- oder Verteidigungsfall aus den USA eingeflogene Soldaten sofort Fahrzeuge und Material übernehmen können.
Oettinger war tags zuvor im Regierungspräsidium Stuttgart gewesen und hatte eine großangelegte öffentliche Anhörung angekündigt. Allerdings berichtete er auch von einer gewissen Skepsis der Behörde in Sachen Eichwald-Depot und davon, dass auch er den Standort nicht ideal fände.

Der Aufschrei in der gut besuchten, vom Sersheimer Klaus Walz geleiteten Bannhalde-Runde, an der auch SPD-MdL Claus Weyrosta und die Bürgermeister Andreas Stein (Sachsenheim) und Willi Baur (Oberriexingen) teilgenommen hatten, war jedenfalls ähnlich deftig wie danach draußen in weiteren Teilen der Bevölkerung. „Also doch!“ und „nach Strich und Faden belogen“, hieß es voller Harnisch, garniert mit der weithin hörbar gepolterten Meinung, dass es „absurd, völlig unsinnig und mit normalem Menschenverstand nicht mehr begreifbar“ sei, ausgerechnet in Zeiten der Abrüstung ein solches Projekt in Sachsenheim zu planen beziehungsweise in Mutlangen und Heilbronn Ähnliches weiterzubauen.
Bemerkenswert allemal, dass der in dieser Veranstaltung geäußerte Vorschlag Weyrostas, statt des Depots lieber ein „übergemeindliches, naturverträgliches Gewerbegebiet mit entsprechenden Arbeitsplätzen im Eichwald“ anzupeilen, rundum ebenso barsch abgelehnt wurde wie eine Waffenkammer.

Während in der Provinz Ostermärsche und andere Demos vor Ort an der einstigen Radarkuppel, Leserbriefe, eine Petition an den Landtag, hitzige Debatten, die planerische Reduzierung der beanspruchten Fläche und anderes mehr folgten, verzogen sich die Ost-West-Gewitterwolken nicht zuletzt durch die Auflösung der UdSSR und 1989 die Wiedervereinigung Deutschlands schlagartig. Daraus resultierend gaben die Amerikaner Militär-Standorte in Deutschland auf – auch das Nato-Depot Sachsenheim war damit ausgemustert.
Die Gebäude der Bravo Battery dienten fortan Übersiedlern aus der früheren DDR als Wohnraum, ehe 1993 mit dem Abbruch der maroden Komplexe begonnen und am 23. August 1994 der Zweckverband Eichwald gegründet wurde. Er kaufte das Gelände für nunmehr 21,1 Millionen DM von der Bundesrepublik Deutschland zurück und hat nun jede Menge freies Land, um das er bundesweit beneidet wird.

Wildwest im Krähwinkel

Auch noch als die aktiven US-Militärs ihren einstigen Stützpunkt längst verlassen hatten, sorgte das betroffene Areal im Gebiet „Krähwinkel“ immer wieder für Schlagzeilen in den Medien. So waren hier in den verlassenen Liegenschaften mehrfach Brandstifter und Diebe zugange. Dort demolierten Neuzeit-Vandalen verbliebene Einrichtungen, zündeten Autos an. Und da fanden diverse Orgien mit bis zu 250 Teilnehmern, jeder Menge Lärm und Müll sowie illegale Rennen statt, die für einen jungen Autofahrer gar mit dem Unfalltod endeten. Wie sehr das brisante Thema NATO-Depot die Bevölkerung emotionalisierte und spaltete, reflektiert beispielsweise auch das mehrfache Telefon-„Stalking“ eines älteren Mannes gegenüber einem Bietigheim-Bissinger Journalisten, der sich in einem Zeitungskommentar klar gegen Waffen im Eichwald ausgesprochen hatte. Er solle doch in die DDR abhauen, hieß es zu späten Nachtstunden wiederholt…

Demonstration der „Schutzgemeinschaft Krähwinkel e. V.“ gegen das im Raum stehende Nato-Depot. Quelle Fritz Krohmer

Freund und Feind vereint

Das wäre in Zeiten von „Stuttgart 21“ und anderen Streitpunkten mitnichten vorstellbar: Polizei und Demonstranten vereint unter einem Dach. In Großsachsenheim freilich war dies der Fall. Eine Kuriosität am Rande der Proteste gegen ein so genanntes „NATO-POMMS-DEPOT“. Wie an dieser Stelle nachzulesen ist, polterte insbesondere die „Schutzgemeinschaft Krähwinkel“ um die Jahre 1985 bis 1988 gegen die Absicht von Militärs beziehungsweise Politikern, am Eichwald ein Nato-Waffen-Depot einzurichten. Bei größeren Demonstrationen vor Ort am Radarhügel bedurften sowohl die Aufbegehrenden als auch die Ordnungshüter gewisser Zentralen oder auch Rückzugsstätten, um sich auszuruhen und zu verpflegen oder Taktiken zu tüfteln. Beide fanden dies bemerkenswerterweise in der damals noch stehenden Festhalle gemeinsam unter einem Dach: In den unteren Räumen hatten die Demonstranten Quartier bezogen, einen Stock drüber die Polizei. Alles soll völlig friedfertig gelaufen sein. Eine Sachsenheimer Besonderheit, die man sich zu gerne auch noch in die heutige Zeit wünschen würde.