Im Schritttempo zum Jahrhundertwerk

Die Umgehungsstraße und ihre Bedeutung auch für den Gewerbepark

Die 7,6 Kilometer lange und 20 Millionen Euro kostende Umgehungsstraße spielt(e) für den Gewerbepark Eichwald eine entscheidende Rolle – und umgekehrt. Foto: Walter Christ

Fürwahr ein Jahrhundertwerk! Schon 1953, also zu jener Zeit, als Stalin starb, Elisabeth II. zur Königin gekürt und beispielsweise erstmals der Mount Everest bezwungen worden waren, dachte man in Großsachsenheim offiziell über eine Ortsumfahrung nach. Als dann im Zuge des so genannten Wirtschaftswunders die Blechlawinen und der Dauerstau im Städtle immer größer wurden, war der Ruf nach Entlastung gleichermaßen lauter geworden. Nicht zuletzt auch deswegen, weil Experten 1995 prognostiziert hatten, dass sich der Straßenverkehr in diesem Raum bis zum Jahr 2010 noch um sage und schreibe 36 bis 54 Prozent erhöhen werde.
Freilich vergingen dann über fünf Jahrzehnte, bis die heutige Südumfahrung von Sachsenheim und Sersheim am 22. Juli 2006 eingeweiht werden konnte. Das Jahrhundertwerk ist von der Einmündung an der L 1125 beim Sachsenheimer Möbelhaus „Domino“ bis hin zur Ausfahrt vor den Toren von Vaihingen-Kleinglattbach 7,6 Kilometer lang und kostete rund 20 Millionen Euro.
Zuletzt quälten sich täglich über 20 000 Fahrzeuge durch Großsachsenheim und um die 14 000 durch Sersheim. Was Wunder, dass sich kluge Köpfe intensiv Gedanken darüber machten, wie man Abhilfe schaffen könnte. Aber genau das Wie wurde zum Casus knackus. Jedenfalls gab es vor allem in den rund zehn Jahren der Endphase unzählige Anträge, Pläne, Visionen, Erörterungen, Aktionen, Sitzungen, politische Gespräche und kritisches Hinterfragen, ehe über Flächennutzungsplan, örtlichen Generalverkehrsplan und Regionalplan sowie finalen zehn Varianten, quasi im deutschtypischen Schritttempo, die Entscheidung für den Bogen im Süden fiel. Man erhoffte sich seinerzeit eine Verkehrsentlastung der Ortskerne um 40 bis 80 Prozent.

Frühere Durchfahrt der Städte Sachsenheim und Sersheim Foto: Archiv

Es ging hierbei allerdings nicht nur um bloße lokale Lösungen, sondern um die Verbesserung des gesamten Ost-West-Verkehrsflusses zwischen Ludwigsburg und Vaihingen/Mühlacker. Insbesondere der Raum Sachsenheim/Sersheim/Oberriexingen vorrangig im Focus. Der beabsichtigte neue Gewerbepark Eichwald hatte dabei eine relevante Rolle gespielt und gleichzeitig gewissermaßen für einen Teufelskreis gesorgt: Ohne die neue Trasse war ein solcher interkommunaler Park ebenso undenkbar geworden wie eine Umfahrung ohne den Park.
Die Verantwortlichen um die von Anbeginn an Trassen freundlichen Bürgermeister Andreas Stein (Sachsenheim), Jürgen Scholz (Sersheim) und Willi Baur (Oberriexingen) sowie den Zweckverbands-Geschäftsführer Gerhard Müller und die Gemeinderäte waren zusammen mit anderen Gremien nicht zu beneiden: Hier die einen, die auf keinen Fall „für dann noch mehr angezogenes Blech“ wertvolle Naturflächen geopfert beziehungsweise zerschnitten wissen wollten („Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten“), sich um die Grundwasserversorgung sowie einen dann vermeintlich auch abgehängten örtlichen Einzelhandel sorgten, von „Raubbau“ an der Natur sowie von Konkurrenz zur Schiene sprachen und die Flurbereinigung zum Reizwort werden ließen. Dort die anderen, die nur die Möglichkeit einer Trasse auf der grünen Wiese sahen und von den Behörden forderten, endlich Gas zu geben. Es gab Unterschriftenaktionen für und wider den Süd-Bogen. Markgröningen und Vaihingen erwiesen sich als verbale kritische „Bremser“ des Vorhabens, was auf die Schäferlaufstadt bis heute zutrifft.
Neue Achse also ja oder nein? Ortsnahe oder ortsfernere Variante? Ist die „Bauerntrasse“ die richtige Lösung? Wo soll jeweils eine Brücke hin? Wer soll das alles bezahlen? Oder: Wie und wo kann man wie viel Ausgleiche schaffen? waren nur einige wenige Fragen aus der Fülle an Zündstoff reichen Streitpunkten. Mal ganz davon abgesehen, dass sich einst Großsachsenheims Alt-Schultes Karl-Heinz Lüth ums Jahr 1989 noch mit angedachten und „giftig“ bekämpften Tangenten-Ideen herumschlagen musste, die gar eine Tunnellösung in der Klingenbergstraße ins Kalkül gezogen hatten. Aber man kriegte die Kurve!

Entsprechend froh gestimmt rollte die Prominenz um Ministerpräsident Günther H. Oettinger am 22. Juli 2006 dort, wo 1944 noch Kampfjets über die Fliegerhorst-Startbahn rollten beziehungsweise US-Atomraketen drohten, bei strahlendem Sonnenschein in Oldtimern zum offiziellen Freigabefest. Der Weitblick der „Macher“ um Andreas Stein, der sich als Rathauschef somit selbst ein Abschiedsgeschenk machte, lohnt sich indes ganz offensichtlich: Es konnte nicht nur der Gewerbepark Eichwald verkehrsmäßig nahezu ideal angebunden, sondern vielmehr auch erreicht werden, dass die geplagten Menschen in den genannten Ortskernen inzwischen täglich um rund ein Drittel weniger Fahrzeuge spürbare Entlastung erfahren. Das heißt konkret: Im Jahr 2009 wurde eine Erhebung gemacht und die ergab bei Zählungen in Zeiträumen von jeweils 16 Stunden, dass noch rund 13 000 von den bisher etwa 21 000 Fahrzeugen die Großsachsenheimer Ortsdurchfahrt belasteten. Also gut 8000 Fahrzeuge weniger. Gleichzeitig ergaben Zählungen – nun allerdings über 24 Stunden hinweg – dass die neue Umgehungsstraße schon damals von annähernd 10 000 Fahrzeugen genutzt wurde.

11. April 2003. Strahlende Gesichter in Sachsenheim: (von links) Hans-Gert Klingemann, Hans Günter Janßen und Doris Klett freuen sich mit Regierungspräsident Dr. Udo Andriof, Bürgermeister Andreas Stein sowie dem Zweckverbandsgeschäftsführer Gerhard Müller über die offizielle Zusage zum Baubeginn der Umgehungsstraße noch in diesem Jahr. Foto: Sachsenheimer Zeitung / Martin Kalb

Nachbarschaftshilfe…

Als am 11. April 2003 Regierungspräsident Dr. Udo Andriof im Sachsenheimer Kulturhaus die „Jahrhundertbotschaft“ von der definitiven Zusage für Baufreigabe und Anfinanzierung der Südumfahrung noch 2003 mit sattem Lob für Andreas Stein, Gerhard Müller sowie Gemeinderäte überbrachte, war diese Nachricht nicht für alle so brandaktuell wie vermutet. Nachbar Manfred List, seinerzeit MdL und innenpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, hatte zusammen mit Stein schon Tage davor die frohe Kunde aus dem Verkehrsministerium vernehmen dürfen, dass sich ihr Einsatz für die Trasse gelohnt habe. List hatte bei Verkehrsminister Ulrich Müller wegen seines Beistandes zu einem dem Minister wichtigen Projekt in Oberschwaben „etwas gut“. Also nutzte der Bietigheim-Bissinger Oberbürgermeister ohne großes Aufhebens diese Offerte des Parteifreundes und bat, quasi im Gegenzug, ebenfalls eindringlich um die Zusage zur Anfinanzierung der Umgehungsstraße am Eichwald. Erfolgreich, wie man bald sah.

23. Juli 2006. Die neue Südumfahrung wird offiziell freigegeben. Von links: Oberriexingens Bürgermeister Willi Baur, der FDP-Bundestagsabgeordnete Harald Leibrecht, Sersheims Bürgermeister Jürgen Scholz, Ministerpräsident Günther H. Oettinger, Landrat Dr. Rainer Haas, Regierungspräsident Dr. Udo Andriof sowie Sachsenheims Bürgermeister und Zweckverbandsvorsitzender Horst Fiedler. Foto: Sachsenheimer Zeitung / Martin Kalb

Freudenfeste

Wie gut, dass viele der rund 100 Oldtimer, die am 22. Juli 2006 vom Sersheimer Sportplatz aus im vielbejubelten Korso die Prominenz zur Einweihung der neuen Umgehungsstraße in den Gewerbepark Eichwald brachten, Cabriolets waren: Frischluft tat bei dieser brütenden Hitze gut. Den Ohren der engagierten Kämpfer für die neue Trasse – sie war neben der Stuttgarter Messe übrigens die zweitgrößte Baustelle im Ländle – tat wiederum gut, wie üppig das Füllhorn des Lobes über sie ausgeschüttet worden war. Allen voran von „Landesvater“ Günther H. Oettinger, gefolgt von Regierungspräsident Dr. Udo Andriof, Landrat Dr. Rainer Haas und Sachsenheims neuem Bürgermeister Horst Fiedler. Beste Noten wurden bei diesem freudigen Anlass jedenfalls rundum verteilt.
Bestens angekommen war am gleichen Tag bei der Bevölkerung im Rahmen eines Bürgerfestes mit Hubschrauberrundflügen, Shopping-Möglichkeiten, abendlicher Rocktime und vielem anderem mehr auch der „Tag der offenen Tür“ der Getränkefirma Winkels. Die Hochrechnung am Schluss: etwa 40 000 (!) Besucher. Um die 1000 geladene Festgäste erlebten darüber hinaus einen imposanten Galaabend des gleichen Unternehmens anlässlich der Einweihung seines neuen Logistikzentrums vor Ort. Abgerundet wurden die Festivitäten durch die Einweihung eines Radschuhsteins an der Peripherie Sachsenheims in Richtung Untermberg durch den rührigen Verein für Heimatgeschichte Sachsenheim.

Die Umgehungsstraße heute Foto: Walter Christ